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James Surowiecki: Die Weisheit der Vielen. Warum Gruppen klüger sind als Einzelne.

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ISBN: 3442154464

    

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James Surowiecki: Die Weisheit der Vielen. Warum Gruppen klüger sind als Einzelne.

Ich muss zugeben, ich war voreingenommen, als ich begann, das Buch zu lesen. So wenig wie Einzelne immer die Weisheit mit Löffeln gefressen haben, so wenig haben es Gruppen. Insofern erscheint mir ein Buch mit dem Untertitel "Warum Gruppen klüger sind als Einzelne" genauso plakativ wie realitätsfremd.

Zugegeben, der Autor erschlägt den Leser mit Material, Geschichten und wissenschaftlichen Untersuchungen. Manches überzeugt, einiges verwirrt, vieles führt in die falsche Richtung. Vor allem legt der Autor permanent wechselnde Maßstäbe an.

Ein Beispiel von vielen: Der Autor sagt, dass, wenn viele Menschen, auch mit geringen Kenntnissen, etwas schätzen, der Mittelwert der Schätzungen näher an der Realität liegt als bei den meisten Experten. Dafür führt er als Beispiel eine Geschichte von einem Jahrmarkt an: Die Besucher mussten im Rahmen eines Wettbewerbs das Gewicht eines Ochsen schätzen. Und der Durchschnitt der Schätzungen lag nur ein Pfund neben dem wirklichen Gewicht. Fast am Ende des Buches wird ein weiteres Beispiel aufgeführt. Danach wählen die amerikanischen Bürger immer den richtigen Präsidenten, auch wenn sie keine Experten seien und fälschlich davon ausgehen würden, dass 24 Prozent der Staatsausgaben für Auslandshilfe ausgegeben würden. Es sei mal dahingestellt, dass man angesichts der Wahl von George W. Bush berechtigte Zweifel an der Aussage, dass immer der richtige Präsident gewählt würde, haben kann. Entscheidender für die Aussage des Buches ist, dass das darin versteckte Gegenbeispiel einfach ignoriert wird. Die kollektive Schätzung der Höhe der Auslandshilfe liegt nämlich kräftig daneben... Nix mehr mit Weisheit.

Außer bei solchen rein statistischen Durchschnittsbildungen untersucht der Autor die Weisheit der Vielen, die durch Kooperation und die durch Koordination entsteht. Natürlich kommt er zum Ergebnis, dass auch hier die Gruppen die größere Weisheit hätten. Vorausgesetzt, die Mitglieder sind erstens heterogen genug und zweitens unabhängig voneinander.

Das hilft aber nun ungefähr so viel wie die Aussage, dass einzelne Menschen immer klug entscheiden würden, wenn sie nur nachdenken würden. Tun sie aber meist nicht. Genausowenig wie die Mitglieder der meisten Gruppen weder heterogen noch unabhängig voneinander sind. Und selbst, wenn sie es zu Beginn waren, bilden sich doch innerhalb kürzester Zeit Beziehungen, Abhängigkeiten und gemeinsame Glaubenssätze heraus.

Nicht ohne Grund sind der größte Teil der "Beweise" wissenschaftliche Untersuchungen unter Laborbedingungen, die nur wenige Minuten dauerten. Unter solchen Bedingungen kann man natürlich "verfälschende" Einflüsse, die bei fast jeder realen Gruppe existieren, minimieren. Blöd nur, dass diese Einflüsse in der Realität konstitutiv sind.

Letztlich ist eine solche Entgegensetzung wie im Buch meiner Meinung nach Schwachsinn. Natürlich Schwachsinn, der die Verkaufszahlen erhöht. Genauso wie - jenseits von statistischen Durchschnittsschätzungen - die Gruppe die Experten benötigt, benötigen Experten andere Menschen - und sei es nur in Form von Bücherweisheit, auf der sie aufbauen.

Deshalb gilt einerseits die Aussage des Ex-CEO von Ceneral Electric, Ralph Cordiner: "Wenn Sie mir auch nur eine einzige großartige Entdeckung oder Entscheidung eines Kommitees nennen können, dann werde ich Ihnen die Person in diesem Kommitee ausfindig machen, die einzig und allein auf die Idee gekommen ist - beim Rasieren, auf dem Weg zur Arbeit oder während die anderen einfach nur herumquatschten. Hinter jeder Lösung eines Problems, hinter jeder zum Erfolg führenden Entscheidung durch ein Kommitee steht ein einzelner Mensch, der auf die richtige Idee kam." Und es gilt andererseits die Aussage: Ohne die Zuarbeit, ohne die Fragen, ohne den Widerspruch der anderen, ohne das richtige Umfeld, in dem sich der einzelne entfalten kann, würde er nie auf die Idee kommen. Selbst ein solch einzigartiges Genie wie Leonardo da Vinci wäre ohne die anderen Renaissance-Künstler nicht zu solchen Ergebnissen gekommen.

Zurück zum Buch: Ich hatte mir davon Aufschlüsse erhofft, wann man in Unternehmen Einzel- und wann Gruppenentscheidungen fällen sollte. Oder gar, wie man das Ineinandergreifen von Kooperation und Individualität besser organisieren kann. Angesichts der tendenziösen Überflutung habe ich diese Aufschlüsse nicht gefunden. Selbst eine Nutzung der vielen Beispiele wäre mit so vielem kritischen Hinterfragen verbunden, dass sich der Aufwand nicht lohnt.

rezensiert am: 15.01.2008

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