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Richard Thaler, Cass Sunstein: Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt.

Die beiden Autoren nennen ihr Konzept libertären Paternalismus. Um was geht's?

Dass der Mensch in der Regel nicht rational entscheidet, dürfte sih mittlerweile herumgesprochen haben. Eigentlich entscheiden die meisten Menschen in den meisten Bereichen überhaupt nicht gern, versuchen ihren Entscheidungsaufwand zu minimieren oder noch besser - gar nicht zu entscheiden. Und wenn sie sich doch mal entscheiden, dann ist die Entscheidung - bezogen auf ihre eigenen langfristigen Wünsche und Ziele - oft nicht gut. An vielen Beispielen, angefangen von der Essensauswahl für Schüler in der Schule über Kranken- und Rentenversicherungen bis zu unserem Umweltverhalten machen dies die Autoren deutlich.

Nun gibt es typischerweise die beiden Extreme, damit umzugehen: Die einen wollen, dass der Staat alles regelt (und bleiben die Antwort schuldig, warum denn nun gerade die Politiker rational entscheiden), die anderen wollen, dass man alle Entscheidungen den einzelnen überlässt. Der Ansatz von Thaler und Sunstein liegt gewissermaßen in der Mitte. Sie betrachten alles aus der Perspektive eines "Entscheidungsarchitekten". Dieser entwirft einen gewissen Rahmen, der bevorzugt zu den guten Entscheidungen führt.

Ein Beispiel: In einer Schule wurde das Mittagessen (bestehend aus Pommes, Salat und diversen anderen Angeboten) mal zufällig und mal unterschiedlich geplant arrangiert. Kamen die Pommes zuerst auf Augenhöhe, dann wurden sie genommen und danach war natürlich kein Platz mehr für Salat auf dem Tablett. Beginnt das Essensarrangement jedoch mit Salat, so ändert sich der Konsum drastisch. Während sich bisher die Eltern noch endlos darüber stritten: "Mein Kind soll gesund leben" vs. "Mein Kind will aber auch mal Pommes und soll sich entscheiden dürfen", wäre eine intelligente Entscheidungsarchitektur, die die Erkenntnisse der Warenpräsentation aus dem Einzelhandel in den Schulen nutzt, um bevorzugt gesunde Sachen ans Kind zu bringen, eine Lösung, die beides ermöglicht: mehr Gesundheit UND freie Auswahl.

Dasselbe gilt z.B. bei privaten Rentenversicherungen: Dass die staatliche Rentenversicherung längst kollabiert sein wird, wenn die meisten von uns in Rente gehen, ist ein "Geheimnis", das alle kennen - daran ändern auch kosmetische Eingriffe wie Rente mit 67 nichts. Also ist es wichtig, sich zusätzlich privat zu versichern bzw. privat ein Vermögen aufzubauen. Das wäre vernünftig. Aber man muss dazu aktiv werden und sich mit Dingen beschäftigten, die die wenigsten verstehen (oder alternativ "Finanzexperten" vertrauen, denen keiner vertraut). Thaler und Sunstein schlagen vor, das einfach umzudrehen: Man wird zum Beispiel bei Beginn eines Arbeitsverhältnisses automatisch versichert - außer man widerspricht.

Die beiden bieten damit in jedem Fall einen spannenden Ansatz, der überall dort nutzbringend sein kann, wo eine "richtige" Entscheidung benennbar ist. Auch in Unternehmen gibt es solche Möglichkeiten. Zum Beispiel bei der Fortbildung, die von vielen Mitarbeitern gar nicht in Anspruch genommen wird. Oder beim ökologischen Dienstwagen. Oder beim Essen. Oder beim Vermögensaufbau. Oder bei den Pausenkeksen(die es zwar auch in irgendeinem Regal im Keller gibt, aber auf den Besprechungstisch steht Obst).

Unangenehm wird das Verfahren eben in Bereichen, die wir auch alle kennen: Da hat man ein vierzehntägiges Testabo abgeschlossen und muss dann kündigen, damit es nicht weiter läuft. Oder in der Warenpräsentation im Supermarkt, die nicht nach gesundheitlichen Kriterien erfolgt (warum macht das eigentlich niemand? Und positioniert sich dann bewusst und gezielt als Gesundheitssupermarkt? - Jenseits von Bio...). Also immer in Bereichen, in denen irgendwelche Interessen anderer über unsere Interessen dominieren und von diesen die Entscheidungsarchitektur vorgegeben wird (was im Bereich der Politik dank Gewerkschaften und anderer Lobbyisten praktisch immer der Fall ist).

Und, ehrlich gesagt, den revolutionären Ansatzpunkt für diejenigen, die sich schon länger (und tiefer) mit Gehirnforschung beschäftigen, sehe ich darin jetzt auch nicht gerade. Fazit: Kann man zur Kenntnis nehmen und vielleicht zwei oder drei Anregungen mitnehmen. Mehr aber auch nicht.

rezensiert am: 17.07.2010

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