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Anselm Grün: Menschen führen - Leben wecken.

Anselm Grün ist Benediktinermönch und verantwortlich für 20 Betriebe und 300 Mitarbeiter. In seinem Buch beschreibt er ein Führungskonzept auf Basis der 1500 Jahre alten Regeln des Benedikt von Nursia, des Gründers des Benediktinerordens.

Christliche Bücher dieser Art werden üblicherweise von christlichen Seminarrednern gelesen und von christlichen Unternehmern genutzt. Als Atheist gehöre ich dazu nicht. Mich interessiert, was funktioniert und hilft - unabhängig von der Quelle. Und hier kann man doch eine Menge lernen. Zumindest haben christliche Organisationen mehrere Jahrhunderte - im Fall der Benediktiner über ein Jahrtausend - überlebt und lange Zeiten floriert. Natürlich gibt es auch hier gegensätzliche Modelle: Wo die Benediktiner die klösterliche Gemeinschaft entwickeln, bereiten z.B. die Jesuiten auf ein individuelles Leben vor (in früheren Jahrhunderten z.T. jahrelang ohne Kontakt zu anderen Jesuiten). Von beiden kann man lernen.

Anselm Grün nimmt sich bei der Übertragung auf Unternehmen das Cellerars-Kapitel vor. Der Cellerar ist mit dem Geschäftsführer eines Unternehmens zu vergleichen - nur der Abt als geistlicher oder Gesamtführer steht über ihm. Wie eben der Unternehmer über dem Geschäftsführer steht, wenn beide Funktionen personell getrennt sind (was ich nebenbei für extrem empfehlenswert halte).

Dabei geht er auf die Eigenschaften des Verantwortlichen, das zugrundeliegende Menschenbild, die Funktion der Leitung als Dienst an den Geführten, auf den Umgang mit Menschen und Dingen sowie vor allem und sich durch das ganze Buch ziehend, auf den Umgang mit sich selbst ein. Wer nicht an sich selbst arbeitet - und zwar nicht nur ab und zu, sondern regelmäßig - wird nie eine gute Führungspersönlichkeit sein. Allein von den Themen ist das Buch sehr modern und trifft die wesentlichen Punkte, die sich durch die heutige Führungsliteratur ziehen.

Schlaglichter daraus: Die eigene Einstellung ist entscheidend, z.B. an folgendem Punkt wird dies deutlich: "Heute jammern viele Unternehmer, wie schwierig die Mitarbeiter seien und welche Last es oft sei, sie zu führen. ... ein solches Jammern [sei] nur Eingeständnis von Führungslosigkeit. Denn wenn es keine Probleme gäbe, bräuchte es ja keinen Verantwortlichen. Der Vorgesetzte hat ja gerade die Aufgabe, sich den Problemen zu stellen und zu lösen."

Zugleich gerät Anselm Grün nie in eine Einseitigkeit. der obige Gedanke wird z.B. kontrastiert durch die Verantwortlicheit der Geführten: "Wir sind selbst dafür verantwortlich, wie wir uns führen lassen. Es liegt nie nur am Vorgesetzten, sondern immer auch am Untergebenen, welche Art von Führung er sich gefallen läßt."

Im Buch finden sich auch viele zeitloser Weisheiten, z.B. "Wer in Firmen nur Furcht erzeugt, der lähmt die Mitarbeiter. Nur für den Chef, den man liebt, geht man durchs Feuer. Den gefürchteten Chef läßt man im Regen stehen." Dem kann man nur hinzufügen, dass die gefürchteten Chefs gerade deswegen insgeheim auch immer ihre Panikattacken haben. Selbst schuld ;-)

Bei der Übertragung problematisch finde ich jedoch: Ein Unternehmen ist eine Organisation, deren einzige Existenzberechtigung darin besteht, seinen Kunden einen Nutzen zu bieten. Der Zweck eines Klsoters ist, dass seine Mitglieder Gott finden. Es gibt keinen Kunden. Ein Unternehmen jedoch, das seinen Kunden keinen Nutzen bietet, hört auf zu existieren. Damit ist eine Betrachtung von Führungskonzepten ohne den Kunden in gewisser Hinsicht blind. Fast könnte man versucht sein, der trauten Zweisamkeit zwischen Führendem und Geführtem den Titel eines ehemaligen Bestsellers entgegenzuhalten: "Das einzige was stört, ist der Kunde."

Insgesamt, auch wenn die Übertragbarkeit meines Erachtens seine Grenzen hat, ein gutes Buch, das vor allem den Unternehmern, für die "langfristige" Planung einen Zeitraum von einigen Wochen oder Monaten abdeckt und die völlig im Tagesgeschäft gefangen sind, den Blick über den Tellerrand der eigenen Zeit und Begrenztheit ermöglicht.

rezensiert am: 05.11.2006

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