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Ein kaltes Bad im Colorado

Stefan Merath | 22. August 2016

Im Sommer 2015 raftete ich mit 13 unserer Kunden – alles Unternehmer – den Colorado hinunter. 12 Tage Abenteuer ohne Handy oder irgendeine Art von Elektronik lagen vor uns. Einige konnten es am ersten Tag gar nicht glauben, dass es dort tatsächlich keinen Empfang gab.

Erste Entzugserscheinungen...

Was, wenn etwas Wichtiges in der Firma wäre? Und was war mit der begonnenen Facebook- oder Whatsapp-Kommunikation? War vielleicht eine wichtige Email rein gekommen? Am ersten Tag zeigten viele eine Art Entzugserscheinung. Und dann kam es, wie es kommen musste: Der Fluss gab Feedback. In einer eher soften Stromschnelle kenterte plötzlich ein Boot. Abkühlung von 38 Grad Lufttemperatur auf 10 Grad Wassertemperatur. Schock! Willkommen in der wirklichen Welt! Willkommen im Canyon! Ab diesem Moment hatten die Bootsinsassen Facebook und Email und all dieses Zeug hinter sich gelassen.

Ok, wir sitzen normalerweise nur im Büro und da kann man nicht ins Wasser fallen. Also eine Ausnahmesituation? Mitnichten! Erik Altman fand heraus, dass sich durch die dauernden Ablenkungen die Fehlerquote verdoppelt. Vielleicht fällt man also doch irgendwie ins Wasser? Am Kings College ließ man in einem Versuch 2005 drei Gruppen gegeneinander antreten. Die erste Gruppe konnte ungestört arbeiten, die zweite Gruppe ebenfalls, musste aber vorher ordentlich Marihuana rauchen und die dritte Gruppe wurde während ihrer Arbeit immer mal wieder durch Emails unterbrochen. Dass die erste Gruppe gewann, ist klar. Aber die Kiffer waren besser als die Email-Leser!

88 mal pro Tag schauen wir im Schnitt auf unser Smartphone


Gloria Mark beobachtete Mitarbeiter über mehrere Tage im Büro und ließ sekundengenaue Protokolle ihrer Tätigkeit anfertigen. Sie fand heraus, dass sich ein Mitarbeiter nach einer Unterbrechung im Schnitt zwei neuen Tätigkeiten zuwendet, bevor er zur eigentlichen Tätigkeit zurückkommt. Und zwar 25 Minuten später! Bis man sich wieder rein gedacht hat, vergehen 8 weitere Minuten. Das war im Jahr 2004 und wie jeder weiß, der seit 12 Jahren arbeitet, ist es seither nicht ruhiger geworden. Neuere Zahlen sagen, dass ein Mensch im Schnitt 88 mal pro Tag auf sein Smartphone schaut.

Also eine Unterbrechung führt dazu, dass ich im Schnitt nach 33 Minuten wieder effektiv an meiner Aufgabe arbeite und ich habe 88 Unterbrechungen pro Tag allein durch den Blick auf mein Mobiltelefon. Das macht pro Tag im Schnitt 48,4 Stunden, die ich von meiner Arbeit abgehalten werde! Arbeitsplatzrechner und all das andere Zeug nicht eingerechnet…

OK, dass die vielen Unterbrechungen ein Problem sind, dürfte uns Unternehmern allen bewusst sein. Suche ich nach Lösungen, dann hört man viele Vorschläge: Nur zwei Mal am Tag zu bestimmten Zeiten Outlook öffnen, alle Signale abstellen, bewusst Prioritäten setzen usw. Verdichtet man diese Vorschläge, kommt man letztlich zu zwei Lösungsarten. Davon funktioniert eine gar nicht und die andere nur begrenzt.

Prioritätensetzung und Disziplin

Der erste Lösungstyp setzt auf Prioritätensetzung und Disziplin. So ganz nach dem Motto: Ich arbeite jetzt 1 Stunde konzentriert und lasse mich nicht stören. Bei mindestens 99% der Leute funktioniert das bestenfalls ein paar Tage (ich selbst gehöre auch zu den 99%). Warum? Weil erstens der Mensch genetisch darauf gepolt ist, alles Ungewöhnliche in der Umgebung wahrzunehmen. Wer das nicht gemacht hat, wurde vom Säbelzahntiger aussortiert und hatte nur geringe Chancen, seine Gene weiterzugeben. Und wer hat nicht schon mal einen Säbelzahntiger in seiner Email gefunden? Sich bewusst nicht ablenken zu lassen, ist also eine anstrengende Tätigkeit entgegen unserer genetischen Programmierung.

Zweitens funktioniert dieser Lösungstyp nicht, weil Disziplin eine endliche Ressource ist. Ich kann nicht immer diszipliniert sein. Jeder, der schon einmal mit irgendwelchen Gewohnheiten brechen wollte (Rauchen, Trinken, Fastfood…), weiß das. Und dann setzte auch bei mir oft folgender Denkprozess ein: Ich habe mir vorgenommen, ungestörte Arbeitszeiten zu schaffen. Ein paar Tage klappte das, dann gab ich wieder irgendwelchen Ablenkungen nach. Und meine Erklärung war: Du bist halt nicht diszipliniert genug. Das ist jetzt fatal! Ich versuchte etwas, das nach gängiger Meinung richtig ist, aber eigentlich gar nicht funktionieren kann und im Ergebnis gebe ich mir selbst die Schuld und schaffe mir eine negative Identität: Ich bin halt nicht diszipliniert genug. STOP!

Es ist kein persönliches Defizit! Die Methode funktioniert nicht und setzt auf falschen Voraussetzungen auf!

Systeme schaffen

Der zweite Lösungstyp funktioniert zum Teil. Dieser umfasst alle möglichen Systeme. Das erste, was ich mache, wenn ich einen neuen Rechner bekomme, ist, jede Art von Benachrichtigungsfunktion (Outlook etc.) abzuschalten. Mein Handy ist immer auf stumm. Die Facebook-App habe ich kürzlich deinstalliert, Whatsapp war noch nie drauf und wird nie drauf kommen. Bei Anrufen auf meinem Handy gehe ich prinzipiell nicht dran, außer ich erwarte (alle zwei Wochen mal) einen Anruf. Meine Durchwahl im Büro kennen nur wenige ausgewählte Leute und für fast alle Telefonate vergibt meine Assistentin Termine – und zwar gebündelt, so dass ich dann eben Zeiten nur für Telefonate habe.

Das funktioniert, aber wie gesagt, nur zum Teil. Wenn man sich genau beobachtet, dann stellt man an sich fest, dass man sich ganz oft selbst unterbricht. Während der zwei Stunden, die ich an diesem Beitrag geschrieben habe, „musste“ ich beispielsweise einmal in meine Email schauen und ich habe 3-mal den Impuls dazu verspürt. Es könnte ja vielleicht doch ein Säbelzahntiger in der Email lauern… Gegen diese inneren Selbstunterbrechungen – beim Abendessen kurz nochmal aufs Handy schauen usw. – sind wir, zumindest im jeweiligen Moment, zwar nicht immer aber oft machtlos.

"Die innere Stille kam zurück"

Nach 12 Tagen im Grand Canyon hatten wir uns alle verändert. Wir haben eine innere Stille erfahren wie lange nicht mehr. Die Gespräche, die wir führten, hatten eine innere Tiefe erlangt, wie ich es nie zuvor gespürt hatte. Wir nahmen uns Zeit für diese Gespräche. Wenn es fünf Minuten dauerte, dauerte es fünf Minuten, wenn es zwei Stunden dauerte, dauerte es eben zwei Stunden. Manche sagen vielleicht: das war eine Ausnahmesituation, Urlaub.



Stimmt nicht! Für mich – es war ja ein dreiwöchiges Seminar – war es harte, intensive Arbeit und ich brauchte danach(!) eine Woche Urlaub. Betrachte ich auch rückblickend die Effizienz meiner Arbeit in dieser Zeit, dann ist diese seither unerreicht.

Als wir nach 12 Tagen wieder Netz hatten, schaute ich tatsächlich nach meinen Emails. Es waren etwa 500. In 10 Minuten scannte ich die Subjects durch und stellte fest: Es war kein Säbelzahntiger dabei. Noch nicht mal eine kleine Miezekatze. Und so schaltete ich das Handy wieder aus. Ich stellte mir die Frage, wann ich das letzte Mal 12 Tage am Stück ohne Ablenkung (Email, Internet, Telefon, Fernsehen usw.) war. Die Antwort, die mich zutiefst erschreckte, war: vor 20 Jahren!!!

Und dieses Erschrecken markierte den wirklichen Wendepunkt! Ich hatte am Canyon neue emotionale Referenzbilder gewonnen. Ich hatte erlebt, wie es sein kann, sich nicht mehr stören zu lassen. Und diese Referenzbilder entwickeln einen Sog. Und der Horror, zu erkennen, dass man sich 20 Jahre lang ablenken ließ, führte zu einer Abstoßung!

Und meine Frage war, kann ich diese Kräfte nutzen? Kann ich mit unseren menschlichen Fähigkeiten arbeiten statt gegen sie wie beim Lösungstyp über Disziplin? Und die Antwort ist: Ja! Auch wenn es keine schnelle Lösung gibt. Unsere Vorfahren waren vielfältigen Eindrücken ausgesetzt. Und ihr Gehirn sortierte automatisch die Eindrücke heraus, die vermutlich bedeutungslos sind. In den meisten Fällen nehmen wir die Bewegung des Grases im Wind nicht wahr. Nur wenn sich das Gras ungewöhnlich bewegt oder dazu noch raschelt, wird uns die Situation bewusst. Entweder Säbelzahntiger oder Karnickel. Unser Gehirn kann also schon allein Unwichtiges unter der Bewusstseinsschwelle halten. Was ins Bewusstsein dringt, ist zum Teil genetisch, wie der Anblick einer Schlange, zum Teil gelernt. Und dieser letzte Teil ist interessant.

Mir ist z.B. aufgefallen, dass es doch eine ziemlich hohe Anzahl an Menschen (>50%) gibt, die ich als Facebook- oder Whatsapp-süchtig bezeichnen würde. Mir selbst geht das völlig am A… vorbei. Warum? Nun, die Antwort ist ganz einfach: Diese Menschen glauben, dass da drin was Wichtiges geschehen würde und dass diese beiden Tools wichtig für ihr soziales Leben wären. Ich glaube das nicht. Bei Whatsapp und Facebook gibt es nichts(!), das irgendeine tiefere Bedeutung hätte. Das ist ein Glaubenssatz! Aber einer der funktioniert. Ich erwarte gar keine Säbelzahntiger oder Karnickel in diesen Tools. Und deshalb könnten sie vor sich hin piepen, solange sie wollen. Es lenkt mich so wenig ab, wie der Wind, der draußen vor dem Fenster die Blätter bewegt.

Emotionale Referenzerfahrungen schaffen

Wirklich wichtig sind für mich seit dem Canyon die tiefen Gespräche, für die man sich die Zeit nimmt. Und diese erwarte ich nicht in den sozialen Medien. Das Erlebnis führte also zu einer emotionalen Neubewertung und diese führt automatisch zu einem anderen Handeln. Und dadurch wird das Leben wieder dramatisch effizienter: Was bewirkt eine tagelange Email-Schlacht wirklich? Und was kann hingegen ein einziges tiefes einstündiges Gespräch bewirken, bei dem beide wirklich präsent sind?

Nun muss ich nicht zwingend an den Grand Canyon fahren und ins kalte Wasser fallen. Was ich mir aber schaffen muss, sind emotionale Referenzerfahrungen, die zu einer anderen Bewertung führen. Und damit auch zu einem anderen Handeln.

Nun ist das Erlebnis für mich jetzt ein Jahr her. Was ich mir seither bewahrt habe, ist eine tägliche Zeit für Meditation. Und diese Zeit refokussiert mich permanent auf das, was wirklich wichtig ist: Freiheit und Selbstbestimmung, tiefe Kontakte und einen wirklichen Beitrag zu leisten.
 
 

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